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Fantasien über Talente und andere Superkräfte

  • Autorenbild: Urszula Kiezun
    Urszula Kiezun
  • 16. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Juni

Denkst du manchmal, dass in dir ein unentdecktes Talent steckt – etwas Besonderes, das dir endlich das Gefühl geben würde, erfüllt zu sein, und das dir ermöglichen würde, das zu erreichen, was du verdienst? Diese Überzeugung ist heute überall zu finden – im Coaching, in den sozialen Medien, in der ganzen Welt der Persönlichkeitsentwicklung.

Was aber, wenn das nur eine Fantasie ist?



Wenn andere es schaffen — und du nicht

Du siehst jemanden, der etwas Wichtiges aufgebaut hat – ein bedeutendes Projekt, ein eigenes Business, einen Job, der Sinn macht, Zufriedenheit bringt und eine Position, die zählt. Und du fragst dich, warum es anderen gelungen ist, dir aber noch nicht.

Und irgendwo taucht dieser Gedanke auf – oder jemand sagt es dir: Sie haben es geschafft, weil sie ihr Talent entdeckt haben. Wenn du es noch nicht geschafft hast – dann hast du dein Talent einfach noch nicht gefunden. Wenn du es findest, wird sich alles ändern.

Das ist eine Illusion. Gleich auf zwei Ebenen.


Die verborgenen Superkräfte

Zu Beginn meiner Arbeit als Coach konnte ich nicht ganz verstehen, was meine Klienten meinten, wenn sie sagten, dass sie ihr Talent entdecken wollten. Die meisten von ihnen waren erwachsene Menschen – intelligent, sensibel, gut ausgebildet, mit viel Lebens- und Berufserfahrung. Aber oft hatten sie das Gefühl, „zu wenig" erreicht zu haben – im Vergleich zu dem, wozu sie fähig sind.

Für mich bedeutet Talent eine natürliche Begabung, bestimmte Dinge mit größerer Leichtigkeit und Freude zu tun als andere. Nicht unbedingt „besser" – denn vieles kann man lernen und trainieren –, sondern einfach natürlicher und mit mehr Vergnügen.

Deshalb fiel es mir schwer zu verstehen, wie jemand nach 30, 40 oder 50 Jahren immer noch nicht weiß, wo seine Stärken liegen. Nach all den Jahren in der Schule, im Studium, im Beruf und in Beziehungen wissen wir normalerweise, was uns leichtfällt und was uns schwerfällt – ob wir lieber zeichnen oder mit Zahlen arbeiten; ob wir lieber analysieren oder handeln.

Meine Klienten wussten das meist auch. Aber trotzdem glaubten sie, dass irgendwo in ihnen noch Superpowers verborgen sind – und dass deren Entdeckung das Leben einfacher und den Erfolg so gut wie garantiert machen würde.


Wer profitiert von dieser Geschichte?

Ich glaube an Empowerment – es ist eine der wichtigsten Aufgaben im Coaching und eines der schönsten Dinge, die wir einander geben können. Ich glaube, dass jeder seine Stärken und Begabungen hat – wir können sie ruhig Talente nennen. Aber ich glaube nicht an die Erzählung, dass jeder Superpowers in sich trägt und dazu bestimmt ist, außergewöhnlich zu sein.

Im Coaching zu versprechen, dass jeder sein einzigartiges Talent entdeckt und dadurch schnell Erfolg erreichen wird, ist kein Empowerment. Das ist Marketing.

Und noch etwas: Talent ist keine Frage von Alles oder Nichts. Es ist kein Schalter, den man entweder hat oder nicht hat — es ist eher ein Spektrum. Innerhalb dieses Spektrums kann man sich entwickeln, wachsen und besser werden. Und selbst wenn jemand wirklich einzigartige Stärken hat, garantiert das noch lange nichts. Der Erfolg, den du bei anderen siehst, ist meist das Ergebnis vieler Jahre täglicher, oft unsichtbarer Arbeit und Entscheidungen. Nicht einer magischen Entdeckung.


Die Angst vor dem Average

In ihrem Buch The Confidence Code sprechen Katty Kay und Claire Shipman mit der Psychologin Kristin Neff über Selbstvertrauen – das nicht aus besonderen Leistungen entsteht, sondern gerade aus der Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit und Gewöhnlichkeit.

If I were to tell you that your work as a journalist is average, you'd be devastated, right? – sagt Neff zu einer der Autorinnen – Being called average is considered an insult. We all have to be above average.

Aber genau das ist unmöglich. Außergewöhnlichkeit ist selten – darin liegt ihr Wesen. Nicht jeder kann außergewöhnlich sein. Und nicht jeder muss es sein. Außergewöhnlichkeit ist nicht das, was unserer Arbeit oder uns selbst Wert gibt.

Gut zu sein – oder sogar sehr gut – reicht völlig aus. „Gut" bedeutet hier nicht mittelmäßig. „Gut" bedeutet: fundiertes Wissen, gute Fachkenntnisse, hilfreiche Charaktereigenschaften und die Bereitschaft, immer weiter zu lernen. Das ist nichts Spektakuläres – aber etwas sehr Wertvolles.


Brillant oder gar nicht

Im Coaching arbeite ich oft mit Menschen, die auf keinen Fall „nur gut" sein wollen. Ich versuche ihnen zu zeigen, dass das möglich ist – und dass es gut ist. Ich will ihnen nicht ihren Ehrgeiz nehmen. Ich möchte, dass sie aufhören zu glauben, dass sie nur dann etwas wert sind, wenn sie außergewöhnlich sind. Denn leider gehen beide oft zusammen: der Wunsch, herausragend zu sein — und das Gefühl, ohne das nichts wert zu sein.

Kennst du diesen Gedanken: Entweder mache ich etwas perfekt – oder gar nicht? Dieses Denken blockiert. Es hält uns davon ab, Dinge zu tun, die wir gut können, die wir mögen und oft sogar lieben. Manchmal hält es uns davon ab, überhaupt etwas zu tun.


Einfach eine Entscheidung

Wenn du das Gefühl hast, dass du mehr kannst und willst – suche nicht nach magischen Talenten. Schau dir stattdessen an, was du gerne tust, worin du gut bist und was du für sinnvoll hältst. Entwickle das weiter. Werde darin besser – nicht besser als alle anderen, sondern reifer, bewusster und erfahrener. Wenn du willst und kannst, mach daraus eine Einkommensquelle. Die Welt braucht viele gute Fachleute – viel mehr als eine Handvoll einzigartiger Individuen.

Die alten Griechen sagten: Entscheide, wer du sein willst, und arbeite jeden Tag daran, darin besser zu werden.


Wenn du diese Entscheidung treffen willst, aber nicht weißt, wo du anfangen sollst – schreib mir. Gemeinsam suchen wir nach Antworten.



 
 
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