Lücken im Lebenslauf – Welche Lücken?

Berufliche Unterbrechungen gelten noch immer als etwas, das man im Lebenslauf erklären, rechtfertigen oder am besten ganz vermeiden sollte. Aber ist eine Zeit ohne Erwerbstätigkeit wirklich eine „Lücke“? Und passt diese Vorstellung überhaupt noch zu unserer heutigen Arbeitswelt?

Sehr oft, wenn ich mit Klientinnen und Klienten im Coaching oder in Workshops an ihren Bewerbungsunterlagen arbeite, kommt irgendwann eine Frage auf – meistens mit einem leicht erschrockenen Blick:
„Was mache ich mit den Lücken im Lebenslauf?“
– Welche Lücken? – frage ich.
– Na ja, die Zeiten, in denen ich nicht gearbeitet habe.
– Und was hast du in dieser Zeit gemacht? – frage ich weiter.
Und genau da beginnt die eigentliche Geschichte.
Denn erstaunlich oft stellt sich heraus, dass gerade diese vermeintlichen „Lücken“ zu den intensivsten, manchmal auch schwierigsten Phasen im Leben meiner Klientinnen und Klienten gehören.
Die größte Gruppe, mit der ich arbeite, sind Frauen. Für viele von ihnen waren berufliche Unterbrechungen mit Mutterschaft verbunden. Viele meiner Klientinnen haben außerdem Migrationserfahrung. In ihrem Fall bedeutete eine solche Pause oft, in einem neuen Land ein völlig neues Leben aufzubauen: eine neue Sprache zu lernen, Behördengänge zu erledigen, Arbeit zu suchen und die ganze Familie beim Ankommen und Einleben zu unterstützen.
Bei anderen waren es schwierige Lebenserfahrungen, die sie für längere Zeit aus dem gewohnten Rhythmus gebracht haben – eine eigene Erkrankung oder die Krankheit eines nahestehenden Menschen, ein Todesfall, eine Scheidung, ein Umzug oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Für viele war auch die Pandemie eine solche Erfahrung.
Es gibt im Leben viele Situationen, die es erschweren oder zeitweise ganz unmöglich machen, berufstätig zu sein. Unabhängig davon, ob eine Pause deine eigene Entscheidung war oder durch äußere Umstände entstanden ist – sie ist Teil deines Lebens. Kein Grund, sich dafür zu schämen.
Und was ist mit dem Lebenslauf?
Manche halten an der klassischen Schule fest, die verlangt, jede einzelne Station der beruflichen Laufbahn aufzulisten und zu erklären. Mir ist ein etwas modernerer Ansatz näher, der den Fokus darauf legt, was für die jeweilige Stelle relevant ist – und nicht auf Vollständigkeit. Dazu gehört auch die Tendenz zu kompakten, teilweise einseitigen Lebensläufen.
Dabei geht es gar nicht um Ästhetik, sondern um ganz einfachen Pragmatismus. Studien zeigen, dass Recruiterinnen und Recruiter einen Lebenslauf im Durchschnitt nur 43 Sekunden lang lesen. Ja, Sekunden. In dieser kurzen Zeit muss dein Lebenslauf zeigen, ob du die Kompetenzen mitbringst, die gesucht werden. Wenn du daraus eine Chronik deines gesamten Lebens machst, erschwert das genau diese Aufgabe.
Niemand wird mit der Lupe jede einzelne Phase deines Lebens studieren, Monate ohne Beschäftigung zählen und sich fragen, ob du sie „sinnvoll“ genug genutzt hast. Und wenn jemand das doch tut, sucht diese Person vielleicht eher nach einem Problem als nach einer guten Mitarbeiterin oder einem guten Mitarbeiter. Für so jemanden willst du wahrscheinlich ohnehin nicht arbeiten.
Konzentriere dich deshalb vor allem auf die Erfahrungen, die dein Profil am stärksten geprägt haben und für die Stelle relevant sind, auf die du dich bewirbst.
Sind „Lücken im Lebenslauf“ überhaupt noch ein Problem?
Allein die Vorstellung, dass Lücken im Lebenslauf grundsätzlich etwas Negatives seien, passt immer weniger zum heutigen Arbeitsmarkt.
Unsere Karrieren verlaufen längst nicht mehr so linear wie früher. Wir wechseln Arbeitgeber, Positionen, Branchen und manchmal sogar den ganzen Beruf. Wir bilden uns weiter und qualifizieren uns neu. Wir ziehen in andere Länder und bauen uns dort ein neues Leben auf. Wir gründen Unternehmen und schließen sie wieder. Wir machen Pausen für Kinder, die Pflege von Angehörigen, Weiterbildung, ein Sabbatical oder einfach, um herauszufinden, was wir als Nächstes machen wollen.
Manche dieser Veränderungen entstehen aus persönlichen Entscheidungen, andere werden uns durch einen Arbeitsmarkt aufgezwungen, der sich immer schneller wandelt.
Auch unsere Arbeitskultur und unsere Erwartungen an das Berufsleben verändern sich. Wir wollen uns in unserer Arbeit verwirklichen, Neues ausprobieren und Sinn in dem finden, was wir tun. Kaum jemand geht heute noch davon aus, dass ein einmal gewählter Beruf oder Arbeitgeber bis zur Rente reichen muss. Und das ist etwas Wunderschönes!
Das Problem sind also nicht die Lücken selbst. Sondern die Art, wie wir gelernt haben, auf sie zu schauen.
Ich hatte einmal eine Klientin …
Mit etwa 25, kurz vor ihrem Studienabschluss, wurde sie Mutter und blieb zunächst mit ihrem Kind zu Hause. Ihr Mann baute seine Karriere aus, und seine Arbeit erforderte, dass die Familie regelmäßig das Land wechselte.
Mit der Zeit waren es drei Kinder, und sie selbst war inzwischen Mitte vierzig.
Innerhalb von zwanzig Jahren lebte ihre Familie in sechs Ländern. Jedes Mal war sie es, die eine Wohnung fand, Schulen und Kindergärten organisierte, Formalitäten regelte und den Alltag einer fünfköpfigen Familie an einem neuen Ort wieder ganz von vorne aufbaute.
Sie lernte drei Sprachen – nicht aus Leidenschaft, sondern aus Notwendigkeit: um mit Behörden, Schulen und Ärztinnen und Ärzten kommunizieren zu können, den Kindern beim Lernen zu helfen und sich im neuen Umfeld zurechtzufinden.
Als sie nach vielen Jahren in den Arbeitsmarkt einsteigen wollte, sah ihr Lebenslauf auf den ersten Blick sehr bescheiden aus. Aus klassischer Sicht: keine Berufserfahrung. Eine aussichtslose Situation.
Aber als wir genauer hinsahen, was sie in diesen zwanzig Jahren tatsächlich getan hatte, und versuchten, ihre Erfahrungen in die Sprache des Arbeitsmarktes zu übersetzen, sah das Bild plötzlich ganz anders aus.
Organisation und Logistik. Zeitmanagement. Die Koordination vieler Prozesse gleichzeitig. Interkulturelle Kommunikation. Problemlösung und Krisenmanagement. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Belastbarkeit. Verhandlungen mit Behörden und Institutionen – in mehreren Sprachen und in unterschiedlichen kulturellen Umfeldern.
Ich behaupte nicht, dass wir diese zwanzig Jahre einfach als „20 Jahre Erfahrung im Projektmanagement“ in den Lebenslauf schreiben können. Aber wir können etwas viel Wichtigeres tun: die Kompetenzen erkennen, die sie in all diesen Jahren tatsächlich entwickelt hat. Und viele davon sind heute genau das, wonach Unternehmen bei Mitarbeitenden suchen.
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Ich treffe viele Frauen, die auf ihren Lebenslauf schauen und vor allem sehen, was darin fehlt. Erst wenn sie ihre eigene Geschichte aus einer anderen Perspektive betrachten, erkennen sie, wie viel sie in all den Jahren geleistet, gelernt und aufgebaut haben – und was sie heute wirklich können. Das bedeutet nicht, dass jede Tür offensteht und du jeden Job bekommst, den du dir wünschst. Aber aussichtslos ist die Situation deshalb ganz sicher nicht. Im Gegenteil: Sie ist ein guter Ausgangspunkt für alles, was als Nächstes kommt.
Own it!
Wenn du also das nächste Mal auf deinen Lebenslauf schaust und eine „Lücke“ siehst, fang nicht mit der Frage an:
„Wie soll ich sie erklären?“
Frag dich zuerst:
„Was ist in dieser Zeit eigentlich passiert?“
Nicht jede Antwort muss in deinem Lebenslauf stehen. Nicht alles, was dich das Leben gelehrt hat, muss zu einem Punkt auf LinkedIn werden. Und nicht jede Pause muss als Phase außergewöhnlicher „persönlicher Entwicklung“ verkauft werden.
Manchmal war es einfach schwer. Manchmal ging es nur darum, durchzukommen, sich zu erholen oder sich um etwas zu kümmern, das gerade wichtiger war als Arbeit.
Dein beruflicher Weg muss nicht perfekt und nicht linear sein. Zu ihm gehören Veränderungen, Neuanfänge, Stillstände und Entscheidungen, die aus Sicht eines Lebenslaufs vielleicht nicht ideal aussehen.
Own it. Eine Lücke im Lebenslauf ist keine Lücke im Leben.
Siehst du in deinem Lebenslauf vor allem die Lücken?
Wenn es dir schwerfällt, deine eigenen Erfahrungen einzuordnen und ihren Wert zu erkennen, kann ein Blick von außen helfen. Im Coaching machen wir gemeinsam sichtbar, was du wirklich mitbringst.


