top of page

Dranbleiben: lieben lernen, was Zeit braucht

Autorenbild: Urszula Kiezun
Urszula Kiezun
vor 4 Tagen
8 Min. Lesezeit

Lerne eine Sprache in einem Monat. Verändere deinen Körper in zehn Tagen – die richtige Menge Protein und fünfzehn Minuten Training täglich reichen. Bau dir mit KI ein Business auf und verdiene Millionen in zwei Monaten.

Das Internet ist voller solcher Versprechen. Die Tools und Trends wechseln, aber die Botschaft bleibt dieselbe: schnell, einfach und mit außergewöhnlichen Ergebnissen. Man muss nur wissen, wie.



Ich lese solche Beiträge mit Sorge und Schrecken. Da herrscht Leere. Selbst wenn es tatsächlich gelingt, so schnell Geld zu verdienen oder das eigene Aussehen zu verändern – was kommt danach? Wie lange hält dieser Erfolg – und wie lange hältst du mit? Wie finden wir uns in der neuen Rolle zurecht? Was bleibt vom neuen Lebensstil, wenn die erste Begeisterung nachlässt?

Der Anfang, der Plan und die Vorstellung vom Erfolg sind verlockend. Darüber, wie es danach weitergeht, wird deutlich weniger gesprochen.


Ich könnte doch so viel mehr: Die Falle der Selbstoptimierung

Zu diesen Versprechen kommt noch etwas: Social Media zeigt uns jeden Tag etwas Neues. Die nächste Sportart, eine Diät, einen Kurs, eine Sprache, ein Reiseziel, ein Projekt. Alle um uns herum entwickeln sich weiter, lernen, probieren Neues aus, reisen.

Von den Menschen, denen ich in meiner Arbeit begegne, höre ich oft, dass sie zu wenig tun. Dass sie mehr machen könnten oder etwas anders. Dass sie so viele Möglichkeiten nicht nutzen und ihr Potenzial nicht ausschöpfen.

Wenn dieses „Ich sollte“ auf das Versprechen trifft, dass zehn Minuten täglich über drei Wochen reichen, ist es schwer, es nicht zu versuchen. Also fangen wir an.


Warum wir immer wieder von vorne anfangen

Der erste Januar und eine ganze Liste von Vorhaben, die diesmal wirklich unser Leben verändern werden.

Im Anfangen steckt viel Energie und Hoffnung. Dann kommt der Alltag. Etwas dauert länger als gedacht. Etwas können wir noch nicht. Das Produkt braucht Verbesserungen. Die Kund*innen haben andere Bedürfnisse. Das Training ist keine aufregende Neuheit mehr. Auch der neue Job hat seine schwierigen Seiten.

Die Richtung zu ändern ist an sich kein Problem. Manchmal finden wir gerade durchs Ausprobieren heraus, dass etwas nicht zu uns passt. Schwierig wird es, wenn wir ständig neu anfangen und kaum noch dazu kommen, etwas weiterzuführen. Jedes Mal neue Hoffnung – und danach eine ähnliche Enttäuschung.

Wenn etwas einfach sein sollte, es aber nicht ist, liegen zwei Schlussfolgerungen nahe. Entweder haben wir falsch gewählt und suchen deshalb etwas Neues. Oder mit uns stimmt etwas nicht: „Schon wieder nicht geschafft.“ „Ich kann einfach nicht dranbleiben.“ „Ich bin ein hoffnungsloser Fall.“

Seltener fragen wir uns, ob die Erwartungen, mit denen wir angefangen haben, überhaupt sinnvoll waren. Haben wir uns Zeit gegeben, etwas zu lernen? Haben wir Fehler, Müdigkeit und ganz gewöhnliche Tage eingeplant, an denen nichts Spektakuläres passiert?

Im Versprechen vom Erfolg in zwei Monaten kommen solche Tage meistens nicht vor.


Neugier oder „Ich sollte“? Wenn Zeitmanagement nicht reicht

Es geht nicht darum, nichts Neues mehr auszuprobieren. Lernen und neugierig sein gehören zu den schönsten Seiten des Lebens. Die Frage ist nur, woher der nächste Anfang kommt: aus Neugier und dem echten Wunsch, sich weiterzuentwickeln – oder aus dem Gefühl, dass man eben sollte.

Mit diesem „Ich sollte“ kommen Menschen oft in meine Selbstmanagement-Workshops. Ich sollte mich weiterentwickeln, lernen, mehr Sport machen. Aber auch öfter ins Museum oder ins Theater gehen. Selbst das, was Freude machen sollte, wird zum nächsten Punkt auf der Liste. Sie wollen Zeit finden, um all das unterzubringen.

Methoden des Zeitmanagements können dabei helfen. Aber mehr Zeit wird es nicht geben, egal wie geschickt wir unseren Kalender organisieren. Schon vor fast zweitausend Jahren schrieb Seneca, dass wir gar nicht zu wenig Zeit haben – sondern viel davon verlieren. Dabei geht es ihm weniger um die Faulen als vielmehr um diejenigen, die ständig beschäftigt sind. Bevor wir also Zeit für noch mehr suchen, lohnt sich die Frage, wofür wir sie überhaupt nutzen wollen. Was wünsche ich mir für mein Leben? Was möchte ich gestalten, entwickeln, verändern? Was ist mir jetzt wichtig, und in welche Richtung möchte ich mich in den nächsten Jahren bewegen?


Ich will gar nicht noch mehr!

Eine Teilnehmerin kam mit einer ähnlichen Frage: Sie wollte Zeit für ihre „Ich sollte“-Vorhaben finden. Als sie sich ihre Wünsche und ihren Kalender genauer ansah, merkte sie, dass ein großer Teil ihrer Zeit mit Dingen gefüllt war, die sie seit Jahren liebte und die ihr Freude machten. Vor allem Sport: regelmäßiges Training und die aktive Teilnahme am Leben ihrer Sport-Community.

Um Platz für neue Vorhaben zu schaffen, hätte sie das einschränken müssen. Und das wollte sie nicht. Sie tat keineswegs zu wenig. Sie war seit Jahren bei etwas geblieben, das sie liebte. Oft haben unsere bisherigen Entscheidungen bereits ihre Gründe und ihren Sinn. Manche neuen Ideen müssen gar keinen Platz in unserem Leben finden – auch wenn unser Leben nicht so aussieht wie auf Instagram.

Probier das doch mal bei deiner nächsten Idee aus. Bevor du sie in deinen Kalender einträgst, überleg dir, worauf du verzichten müsstest, um das Ziel, das dahintersteckt – oder wie du es dir vorstellst –, wirklich zu erreichen.


Die subtile Kunst des Verzichts

Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre ist The Subtle Art of Not Giving a F*ck von Mark Manson. Manson fragt nicht: „Was willst du?“ Er fragt: What pain do you want in your life? What are you willing to struggle for? Wofür bist du bereit, dich einzusetzen, auch wenn es schwierig wird? Worauf bist du bereit zu verzichten, um das zu erreichen, was du willst? Welchen Preis bist du bereit zu zahlen?

Das Ergebnis stellen wir uns gerne vor. Den Alltag, der dorthin führen soll, schauen wir uns seltener so genau an. Vieles braucht Zeit und Arbeit, manches Geld. Manchmal müssen wir Risiken eingehen und auf ein paar andere Dinge ganz verzichten.

Und selbst wenn wir entschieden haben, wofür wir Platz schaffen wollen, ist das erst der Anfang. Der ganze Weg liegt noch vor uns – mit all der langen, wenig spektakulären Zeit dazwischen.


Wir wachsen mit dem, was wir schaffen

Eine gute Geschäftsidee garantiert keinen Erfolg. Talent und Begabung auch nicht. Genauso wenig wie ein Tool, das in wenigen Stunden erledigt, wofür man früher Wochen gebraucht hat.

Es braucht Arbeit. Ich weiß, not sexy. Arbeit verbinden wir viel zu oft damit, uns abzumühen, die Zähne zusammenzubeißen und uns eine Belohnung zu verdienen, die uns vielleicht irgendwann jemand zugesteht.

Ich nenne diese „Arbeit“ deshalb lieber einen Prozess, eine Reise, ein Abenteuer. Nicht, um mir oder dir etwas schönzureden. Sondern weil ich wirklich glaube, dass Arbeit und Aufwand genau das sein können: Entdecken, Überraschung, Begeisterung – Erfahrungen sammeln, die wir am Anfang noch nicht haben, und sie für die nächsten Schritte nutzen.

Wenn wir ein Unternehmen aufbauen, lernen wir den Markt und unsere Kund*innen kennen. Wir lernen, ihre Bedürfnisse zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und über Geld zu sprechen. Wir prüfen, ob jemand unsere Idee braucht und was wir daran verändern müssen. Wir lernen uns selbst kennen: was wir mögen, worauf oder auf wen wir keine Lust haben, was uns besonders gut gelingt. Auch wenn wir einen neuen beruflichen Weg einschlagen oder unseren Lebensstil verändern, erleben wir uns in Situationen, die wir uns vorher nur vorstellen konnten.

Das Projekt reift mit uns. Wir reifen mit dem Projekt.

Keine Knochenarbeit, sondern ein Prozess

Das heißt nicht, dass wir alles mühsam von Hand machen müssen. Nutzen wir die Technik und sparen wir Zeit, wo wir können. Es hat keinen Sinn, unnötige Arbeit zu machen, nur weil sie früher nötig war.

Aber ein fertiges Produkt zu haben ist etwas anderes als zu verstehen, was man da geschaffen hat. Wenn KI dein Produkt in wenigen Stunden erstellt hat, kannst du seine Qualität beurteilen? Kennst du die Menschen, die es kaufen sollen? Was machst du, wenn Fragen, Reklamationen oder Konkurrenz auftauchen?

Deshalb ist mir diese Frage so wichtig: Wo ist in all dem dein eigener Prozess? Was verstehst du inzwischen besser? Worin wirst du selbstständiger, bewusster und erfahrener?

Oft ist daran nichts Spektakuläres. Aber genauso entwickeln wir unsere Kompetenzen, unsere Fähigkeit, Situationen einzuschätzen, und unser Selbstvertrauen.


Geduld in der unbequemen Mitte

Am Anfang können wir uns vieles vorstellen. Mit der Zeit wissen wir immer mehr. Auch darüber, was wir noch nicht können.

Das kann ein unangenehmer Moment sein. Wir haben schon viel Arbeit investiert, aber noch kein Ergebnis, das wir stolz zeigen könnten. Die erste Version des Produkts ist nicht so gut wie erhofft. Wir lernen eine Sprache, aber im Gespräch fehlen uns immer noch die Worte. Im neuen Job müssen wir ständig nachfragen, obwohl wir doch Jahre an Berufserfahrung mitbringen.

Dann könnte man meinen, dass wir feststecken. Oder dass wir dafür einfach nicht gemacht sind.

Manchmal taucht genau dann die nächste Idee auf. Frisch, aufregend, noch nicht erprobt. Sie hat einen großen Vorteil: Noch ist alles möglich. Sie hat uns noch nicht enttäuscht.

Bei dem, was wir schon tun, zu bleiben, braucht Geduld. Und Demut gegenüber dem eigenen „Das kann ich noch nicht“. Wir können auf einem Gebiet erfahren und kompetent sein und in einem anderen Gebiet Übung und Hilfe brauchen. Das zu akzeptieren kann schwieriger sein als die Aufgabe selbst.

Epiktet schrieb, dass nichts Großes plötzlich entsteht – nicht einmal eine Feige. Der Baum muss erst blühen, dann Früchte tragen, und die Frucht muss auch noch reifen.

Geduld heißt nicht, mit dem Denken aufzuhören. Und auch nicht endlos etwas zu wiederholen, das nicht funktioniert. Es lohnt sich, zu prüfen, ob der eingeschlagene Weg noch sinnvoll ist, und bei Bedarf die Methode zu ändern. Wenn wir aber jede Schwierigkeit als Signal verstehen, alles aufzugeben, können wir die Erfahrungen, die wir gerade erst sammeln, kaum nutzen.


Kein Happy End – und das ist gut so

Ich würde gerne schreiben, dass nach einer Zeit des Ausprobierens und der Fehler irgendwann der Moment kommt, in dem alles funktioniert. Aber das hier ist kein Märchen. Es gibt kein Happy End, nach dem wir das Buch zuklappen können. Das Unternehmen, der neue Job, die Sprache, die wir lernen, der Sport, den wir wählen – all das verändert sich mit uns. Die Kund*innen haben neue Bedürfnisse, der Markt verschiebt sich, und wir selbst sehen mehr und wollen etwas anderes. Dieser Prozess hört nicht auf.

Wenn es hier ein Happy End gibt, dann eher dieses: Mit der Zeit gewöhnen wir uns an die ständige Veränderung. Sie muss uns nicht mehr so frustrieren. Sie ist kein Beweis mehr dafür, dass wir etwas falsch machen, und kein Grund, alles hinzuwerfen. Sie gehört einfach dazu.

Und manchmal fangen wir sogar an, das zu mögen. Die Neugier, mit der wir uns an die nächste Version setzen. Die Zufriedenheit, wenn uns etwas leichtfällt, das vor einem Jahr noch schwierig war. Die Gelassenheit, nicht alles sofort fertig haben zu müssen.


Staub abschütteln und zurückkommen

Auf diesem Weg wird es Tage geben, an denen alles nach Plan läuft, und solche, an denen es nicht klappt. Auch wenn wir wissen, was wir wollen, und an unserer Motivation und Disziplin arbeiten. Manchmal verlieren wir unseren Rhythmus für längere Zeit, fallen in alte Gewohnheiten zurück und schieben ein Projekt auf, das uns wirklich wichtig ist.

Dann meldet sich wieder diese vertraute Stimme: „Schon wieder.“ „Ich lerne das nie.“ „Ich bin zu nichts zu gebrauchen.“

Wir können ernst nehmen, was passiert ist, ohne uns selbst zu verurteilen. Die Folgen sehen. Prüfen, was gefehlt hat und was sich ändern muss. Verantwortung für den nächsten Schritt übernehmen.

Wir müssen nicht beweisen, dass wir ab morgen perfekt diszipliniert sind. Und auch nicht alles innerhalb einer Woche nachholen. Eine Pause nimmt uns nicht, was wir vorher gelernt haben.

Wenn es dir immer noch wichtig ist, komm zurück. Mit dem, was du inzwischen über dich und dein Projekt weißt. Vielleicht mit einem kleineren Plan, einer anderen Methode oder mit Unterstützung. Aber komm zurück. Und dann wieder und wieder.

Die Versprechen vom schnellen Erfolg enden dort, wo das Ergebnis erreicht ist. Wir müssen danach mit diesem Ergebnis leben – und genau das lernen wir durch Versuche, Fehler und das immer neue Zurückkommen.



Du möchtest an deinen Zielen, Prioritäten und täglichen Routinen arbeiten – auch dann, wenn nicht alles nach Plan läuft? Schau dir mein Angebot an Selbstmanagement-Workshops an: als offene Kurse an Berliner Volkshochschulen und für Teams. Wir können daran auch im Business-Coaching arbeiten, wenn du selbstständig bist oder dich gerade selbstständig machst, und im Karriere-Coaching, wenn du deinen beruflichen Weg suchst. Lass uns sprechen!




 
 
bottom of page