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Warum wir New Work brauchen

  • Autorenbild: Urszula Kiezun
    Urszula Kiezun
  • 14. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Weil die heutige Arbeitswelt uns zerstört. Sie ist unnatürlich, unmenschlich, sinnlos und hoffnungslos. Wir brauchen etwas Neues.

Entfremdung der Arbeit und „Formatierung“ des Menschen

Die meisten Menschen weltweit mögen ihre Arbeit nicht. Laut dem State of the Global Workplace Report 2023 von Gallup betrifft dies etwa 77 % aller Arbeitnehmenden – in Europa sogar 85–87 %.

Die Gründe sind immer dieselben: Sinnlosigkeit, wenig Eigenverantwortung, Kultur der Kontrolle und Hierarchie, Überlastung sowie wachsende Unsicherheit angesichts von Automatisierung und Globalisierung.

Das ist kein neues Problem. Schon vor über 150 Jahren beschrieb Karl Marx ähnliche Phänomene als „Entfremdung der Arbeit“: Ursprünglich hatte der Mensch direkten Kontakt mit dem Ergebnis seiner Arbeit – von Anfang bis Ende gestaltete er etwas, das vollständig das Ergebnis seiner Idee und seines Handelns war, das ihm gehörte und mit dem er eine emotionale Bindung spürte. Die Industrialisierung und der Kapitalismus haben der Arbeit diese natürliche Dimension genommen. Sowohl die Idee als auch die Endergebnisse menschlichen Handelns sind dem Menschen fremd geworden.

Mit diesem Problem des Verlusts der Selbstbestimmung beschäftigte sich in den 1970er Jahren erneut der Philosoph und Professor an der University of Michigan, Frithjof Bergmann. Für ihn war die moderne Arbeit wie die chinesische Praxis der Fußbindung bei Frauen – die natürliche Entwicklung wurde absichtlich auf grausame und schmerzhafte Weise eingeschränkt, um Frauen an gesellschaftliche Normen und Ideale anzupassen. Ähnlich „formatiert“ die heutige Arbeit die Menschen oft, schränkt ihre Handlungsfähigkeit ein und entfremdet sie von dem, was sie wirklich sind.


General Motors und die Suche nach einer Philosophie

Bergmann arbeitete jedoch nicht im luftleeren Raum. Der direkte Auslöser für seine Aktivitäten waren Massenentlassungen in der Automobilindustrie in Flint – einer Stadt, die stark von einem einzigen Wirtschaftssektor abhängig war. In den 70er- und 80er-Jahren verringerten Technologisierung und Automatisierung den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft, und ein immer größerer Teil der Produktion wurde nach Asien verlagert, wo die Kosten niedriger waren.

Bei General Motors sank die Zahl der Beschäftigten von rund 80.000 auf 50.000, was für eine Stadt mit knapp 200.000 Einwohnern eine echte Gefahr für die soziale und wirtschaftliche Stabilität bedeutete.

General Motors unterstützte Bergmanns Projekt in Michigan, bei dem von Kündigungen bedrohte Personen mehrere Monate lang am „New Work“-Programm teilnehmen konnten und statt ihrer bisherigen Arbeit eine neue suchen und schaffen konnten, während sie weiterhin ihr Gehalt erhielten. Das Ziel war nicht nur die Umschulung, sondern die Entdeckung der eigenen Interessen, Stärken und Handlungsmöglichkeiten sowie deren sinnvolle soziale und wirtschaftliche Umsetzung.


Beginn von New Work

Aus diesem Projekt entstand bald das Konzept und die Bewegung New Work – gar nicht als Managementtrend, sondern als philosophische Antwort auf die Frage: Wie kann man autonom und sinnvoll leben und arbeiten, basierend auf gegenseitigem Vertrauen, kontinuierlichem Lernen, persönlicher Entwicklung und der Nutzung der eigenen Kompetenzen sowie technologischer Innovationen – in einer Welt, in der eine feste Anstellung nicht mehr garantiert ist und wohl auch nicht mehr sein wird?

New Work geht davon aus, dass Arbeit für den Menschen etwas Natürliches ist, und will ihr diese natürliche Dimension zurückgeben. Es geht natürlich nicht um Nine-to-Five-Jobs, sondern um aktives Gestalten, um die Sorge um die eigene Existenz und anderer sowie um die Qualität dieser Existenz.

Die zentrale Frage lautet hier: What do you really, really want to do?"– eine scheinbar einfache, in Wirklichkeit aber tiefgründige Frage, die über Kompetenzen und Stärken hinausgeht – hin zu Weltanschauungen und Sinnhaftigkeit.


Was dabei herauskam – und warum Bergmann enttäuscht starb

Die New-Work-Bewegung wurde während der COVID-19-Pandemie besonders populär, als viele Unternehmen und Organisationen ihre Arbeitsweise neu überdenken mussten – und auf ein Konzept zurückgriffen, das Moderne versprach. Leider wurde die Idee von New Work, statt einer philosophischen Suche nach Sinn, Autonomie und Freude an der eigenen Tätigkeit, schnell auf einen Trend, schicke Bürodesigns und Benefits reduziert. Sie wurde zu einem Instrument des Employer Brandings – einer Fassade, hinter der sich nichts geändert hat: das Versprechen flexibler Arbeitszeiten, in der Praxis aber 24/7-Erreichbarkeit; Remote-Arbeit, die als Freiheit verkauft wird, in Wirklichkeit aber nur eine Reduzierung der Bürokosten ist; bunte Sofas, Kickertische, Yoga – und alte Strukturen, die sich überhaupt nicht verändert habe; Agilität als moderne Methode – und Kontrolle als alte, fest verankerte Kultur.

Frithjof Bergmann – der 2021 verstorben ist – hat in seinen letzten Lebensjahren in Interviews immer wieder seine Enttäuschung darüber geäußert, was aus dem ursprünglichen Konzept von New Work geworden ist.


Arbeit als Freiheit und Lebensfreude

Im Sinne von New Work werden Arbeit, Aktivität und kreatives Tun jedoch zu etwas viel Größerem als einer Pflicht oder einer Einkommensquelle. Sie können das größte Abenteuer und die größte Lebensfreude sein – ein Weg zur Selbstfindung, zum Wachstum und zur Sicherung der Lebensqualität für sich selbst und die eigenen Mitmenschen.


Aber um so zu arbeiten, muss man sich zuerst wirklich diese zentrale Frage stellen: What do you really, really want to do? Die Antwort darauf erfordert Zeit, oft auch die Bereitschaft und den Mut, etwas in Frage zu stellen, was wir seit Jahren tun und was wir für normal halten oder was uns als normal eingeredet wurde.

Arbeit kann dann zu einem natürlichen Mittel werden, um Sinn, Zufriedenheit und Selbstwirksamkeit zu schaffen. Sie macht uns zu echten Human Beings, wird zur Quelle der Freude und Erfüllung.

Hättest du nicht auch Lust, genau so zu arbeiten?


 
 
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